Bōsōzoku (暴走族) - Erbe des Donners
- Marvin
- vor 2 Tagen
- 7 Min. Lesezeit
Oftmals verwenden wir Begriffe wie “JDM” ohne große Hintergedanken, aber was macht diese Subkultur eigentlich aus und woher kommt sie?
Immer wieder höre ich wie Leute auf Veranstaltungen mit Begriffen um sich werfen, die sie selbst nicht zu verstehen scheinen. Schließlich hat nicht jeder die Motivation sich dreißig oder vierzig Jahre alte Magazine oder zwanzig Jahre alte Internetseiten zu übersetzen, um Wissen über authentisches Tuning zu sammeln. Seit inzwischen 15 Jahren befasse ich mich primär mit der japanischen Tuningkultur und dennoch lerne ich stetig Neues - und genau darum soll es hier gehen: Begriffe einordnen, Ursprünge erklären und authentisches Tuning verständlich machen.
Dafür schauen wir zuerst auf die Anfänge des Tunings in der globalen Autokultur. Seitdem es Autos gibt, wird an ihnen gebastelt und personalisiert um den eigenen Charakter und Wünsche umzusetzen. Dies ist kein Phänomen, das sich auf einen Kontinent bezieht, sondern weltweit populär ist.

Wir steigen in den 1970er-Jahren ein, um das fast biblische Ausmaß der Tuningwelt überhaupt ansatzweise einfangen zu können. In Amerika boomt die Autowelt - Muscle Cars, Vans, Trucks, Motorräder. Alles, was Räder hat, wird umgebaut. Gerade die jungen Generationen fühlten sich dem Tuning hingezogen und prägten, ohne es zu wissen, nachhaltig die Tuningkultur. Autos wurden für Drag-Rennen umgebaut, Hot Rods fuhren durch die Stadt und Surfer bauten billige Vans zu Surf-Vans mit ausgefallenen Lackierungen und wilden Interieuren um. All das gelang als “amerikanischer Traum” nach Japan. So entstanden nahezu alle Tuningstile, denen wir in diesem Format begegnen werden.
Auch in Japan sehnte man sich nach persönlichem Ausdruck und Ausgleich zum strikten Arbeitsleben in einer Kultur voller Normen und Etikette. Ausgesonderte Kamikaze-Piloten formten sich zu rebellischen Gangs während Jugendliche den amerikanischen Traum nach Japan bringen wollten.
Der bekannteste und gleichermaßen oft falsch benutzte Begriff “Bōsōzoku” (暴走族) gilt uns als Einstieg in die Welt des echten JDMs. Darauf basierend werden wir chronologisch auf die Entstehung der heutigen Tuningszene eingehen. Dies umfasst das komplette Spektrum an Autos (Kaido Racer, Kanjozuku etc.) sowie Motorräder (Bōsōzoku), LKW (Dekotora) und 50ccm Roller (Gentsuki Kyu).

September 1945 - der zweite Weltkrieg endete mit der Unterzeichnung des Kapitulationsvertrags auf dem amerikanischen Kriegsschiff USS Missouri und damit auch für Japan. Eine Nation atmete auf und begann den strukturellen Neuaufbau des Landes. Die Bevölkerung war erschöpft, aber erleichtert, doch nicht jeder schaffte den Weg zurück in ein normales Leben. So wurden die einst gefeierten Kamikaze-Piloten zu Außenseitern. Doch wer waren diese Kamikaze-Piloten und was war ihre Aufgabe im Krieg? Dafür müssen wir verstehen, wie es um Japan während des Kriegs stand. Die Nation war am Ende, immer mehr Soldaten starben während der brutalen Attacken der Amerikaner. Übrig blieben nur junge Männer im Alter von 15-20 Jahren, die oftmals von der Gesellschaft in die Kamikaze-Einheiten gedrängt wurden und schon längst mit ihrem Leben abgeschlossen hatten. Der einzige Sinn dieser Einheit bestand daraus, feindliche Kriegsschiffe mit Selbstmordattacken zu zerstören. Was passierte also mit Teenagern die sich kein weiteres Leben vorstellten, keine Schule besuchten und jetzt im Stich gelassen wurden?
So entstand die “Erste Generation” der Bōsōzoku. Eben genau diese Teenager schlossen sich zu Gruppen zusammen, kauften günstige Motorräder und modifizierten diese, um sie möglichst laut zu machen. Mit den selbstgebauten Höllenmaschinen rasten sie in Formation als Gruppen durch die Straßen Japans. Es dauerte nicht lang bis die Medien ihnen einen Namen gaben - “Kaminari-Zoku” (Lightning Tribe). Eine noch sehr friedliche aber für die Gesellschaft nervige Gruppe von Teenagern auf Motorrädern, doch das änderte sich im Laufe der Zeit rasant.

Anfang der 1970er Jahre übernahm eine neue Generation die Straßen. Eine Generation, die aus reiner Rebellion und Perspektivlosigkeit den Kaminari-Zoku beitrat, um ihren Frust der Gesellschaft gegenüber zu äußern. Mit dieser “zweiten Generation” wuchs zunehmend die Gewaltbereitschaft, wodurch die Medien einen noch größeren Fokus auf diese Banden legten. Schnell gab es einen neuen, passenderen Namen - “Bōsōzoku” (Violent Running Tribe). Dieser Name resultierte aus immer häufigeren Berichterstattungen über Angrif
fe auf Polizeibeamte und rivalisierende Gangs mit Baseballschlägern oder Messern. Der Altersdurchschnitt sank rapide durch den gewaltigen Zulauf an Teenagern im Alter von 15-20 Jahren, die oftmals Schulabbrecher, Rebellen oder gar Obdachlose waren. Die Gewaltbereitschaft dieser Teenager war grausam. Ein ehemaliger Leiter der Gang “Specter” berichtete in einer VICE Dokumentation von 2015 darüber, wie Mitglieder von rivalisierenden Gangs entführt und an Autos gekettet durch die Straßen gezogen wurden. Bis zum Tod.
Hier zeigten sich erste Lücken im Gesellschaftssystem Japans, denn die Volljährigkeit und damit einhergehende Strafmündigkeit begann erst ab dem 20. Lebensjahr. Somit bestanden die Bōsōzoku rein objektiv gesehen nur aus Kindern, die man strafrechtlich nicht belangen konnte. Verhaftungen endeten in harmlosen Verwarnungen und machten den Gangs keine große Angst. Tiefe Einblicke in diese Zeit bot die erste authentische Dokumentation von Mitsuo Yanagimachi mit dem Namen “God Speed You! Black Emperor”. Wer großes Interesse an den Anfängen der Bōsōzoku hat, findet hier echte Einblicke in die Materie.

Mit dem 20. Lebensjahr stand für viele Mitglieder der Bōsōzoku eine essentielle Entscheidung bevor. Blieben sie ein Teil ihrer Gang und machten sich mit jeder Fahrt strafbar oder fassten sie doch Fuß in der Gesellschaft und ließen ihren jugendlichen Leichtsinn hinter sich? In den meisten Fällen fanden diese jungen Männer eher den Weg in die Yakuza, als in das geordnete Leben. Was einst nur Einzelfälle waren, erreichte Mitte der 1980er-Jahre seinen Höhepunkt. Es wird heute geschätzt, dass zu dieser Zeit fast ein Drittel der neuen Yakuza-Rekruten direkte Verbindungen mit den Bōsōzoku hatten. Sie entsprachen schließlich exakt dem typischen Muster der Yakuza: Unzufrieden mit dem Gesellschaftssystem, obdachlos, gewaltbereit und ausgegrenzt.

Etwa 1985 erreichten die Bōsōzoku den Höhepunkt ihrer Kultur mit etwa 42.500 Mitgliedern in weit über 800 Gangs. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was für ein Terror solche Gangs auf den Straßen verursacht haben. Gerade wenn wir uns noch die berühmten “Bōsō-Drives” anschauen, die einzig und allein Präsenz und Dominanz der Gangs zur Schau stellen sollten. In Rekordzeiten versammelten sich so über interne Absprachen teils tausende Bōsōzoku um gemeinsam durch Städte und Reviere zu fahren und Chaos zu verbreiten. Dabei herrschten klare Hierarchien und Regeln, die wie folgt waren: Voran fährt der Leiter der Gang, welcher die Fahrt organisierte. Oftmals mit begleitenden Autos um den Verkehr frei zu machen. Dahinter folgt der Flaggenträger der Gang, dazwischen alle Mitglieder und ganz am Schluss erfahrene Mitglieder, die Polizeiwagen verlangsamen und aufhalten sollten. Solche “Bōsō-Drives” waren jedoch keineswegs ungeplante Fahrten durch die Stadt, sondern hochdurchdachte Routen, die strategische Vorbereitungen wie Blockaden auf dem Weg oder Ablenkungsmanöver der Polizei gegenüber beinhalteten.

Wir stellen uns jetzt gedanklich eine Honda CBX400R mit abgetrenntem Auspuffrohr vor, die ihr Drehzahlband komplett ausdreht. Immer und immer wieder. Motorräder tendieren allgemein schon zu enormer Lautstärke, aber mit modifizierten Abgasanlagen ist es fast unerträglich. Genau das hörte man während solcher Ausfahrten. Natürlich nicht mit einem einzigen Motorrad, sondern mit Tausenden, ein völlig absurder Gedanke für mich. Weil aber das reine “bis in den Begrenzer drehen” langweilig klingt, nutzten sie die Drehfreudigkeit der Maschinen und fingen an, fast rhythmisch in einem wahnsinnigen Tempo am Gashahn zu ziehen. Im Zusammenspiel mit gelegentlichem Kupplung springen lassen entstehen so Melodien die “Cutting Calls” genannt wurden. Was damals nur die japanische Gesellschaft stören und aufregen sollte, ist heute eine Disziplin für die es Veranstaltungen und Meisterschaften in Japan gibt.
Was machte ein Gang-Mitglied eigentlich optisch aus? Fangen wir mit der Kleidung an. Gangmitglieder trugen eine sogenannte Tokko-Fuku (Special Attack Uniform), eine Mischung aus Arbeitskleidung und den Kamikaze-Piloten-Uniformen. Dazu trugen sie einen langen Überhang, bestickt mit dem Logo der Gang, Mentalität wie “Gib niemals auf!”, Region und Rang des Mitglieds. Nicht zuletzt fand man auf vielen Überhängen auch rechte Symbole, die zu weiterem Schockfaktor beitragen sollten. Einen Bezug zu rechter Politik war den Gruppen nicht nachzusagen.
Erstaunlicherweise ging es seit der zweiten Generation nicht mehr um Geschwindigkeit. Hauptsächlich ging es um Lärm, Optik und Chaos, wie wir anhand der “Bōsō-Drives” gelernt haben. Dafür bedient man
sich bis heute der gleichen Basis-Motorräder. Darunter fallen die Honda CBX400F, Kawasaki Zephyr 400 und die Yamaha XJ 400. Das führt uns zu den ikonischen Modifikationen, die mich vor fast einem Jahrzehnt schon so sehr faszinierten, das ich mehr über diese Kultur erfahren wollte.
Inspiriert von amerikanischen Filmen wie “The Wild One” (1953) und nicht zuletzt von britischen Café Racern übernahmen die Bōsōzoku Elemente aus beiden Stilen für ihre eigenen Kreationen. Hochgezogene und nach innen gebogene Lenker, Kunststoffverkleidungen für die Front, dreistufige Sitzbänke mit hochgezogener Rückenlehne und spektakuläre Lackierungen waren der absolute Standard. Der ironische Begriff “Teufelsrohr” etablierte sich als Synonym für jegliche Art von Auspuffmodifikation, die nur der Lautstärkenveränderung diente. Um möglichst anonym zu sein, wurde das Kennzeichen hochgebogen oder schwingend montiert. Damit waren Identifikationen während der Fahrt schlichtweg nicht möglich. Doch wenn wir ehrlich sind, war das Kennzeichen nur der Tropfen auf dem heißen Stein in diesem Zusammenhang, denn die Motorräder waren in Gänze einfach zu erkennen. So hatten Gangs wie “Specter” oder “Black Emperor” immer gleichbleibende Merkmale wie auffällige Gangsticker oder ganze Lackierungen in bestimmten Farben an ihren Motorrädern. So auch die Gang “Nina Mona”, die als absolute Speerspitze des Stylings galt und die Entwicklung der japanischen Tuningkultur geprägt hat. Nicht zuletzt durch bekannte Namen wie Atsushi Muto manifestierte “Nina Mona” den Weg zu unserer heutigen Liebe der japanischen Tuningkultur. Dem legendären “Muto Z” von Atsushi Muto werden wir in folgenden Artikeln zum Thema “Grachan” wieder begegnen.
Im Laufe der späten 1980er und frühen 1990er Jahre spalteten sich die Interessen der Bōsōzoku-Mitglieder jedoch merklich. Während ein Teil der Mitglieder sich weiterhin auf ihre Gang-Aktivitäten konzentrierte, wuchs bei einem anderen Teil die Faszination des Tunings. Genau dort entstanden alle Tuningstile, Subkulturen und Gruppen die wir bis heute kennen und lieben. Egal ob “Liberty Walk”, “Rocket Bunny” oder Namen wie “Keiichi Tsuchiya”, sie alle entspringen im direkten und indirekten Sinn der Bōsōzoku.
Heutzutage bleibt nur unsere glorifizierte Ansicht auf die vergangene Zeit. Wer heute noch solche Fahrzeuge fährt, ist Mitglied eines Oldtimer-Clubs und steht gegen die Hierarchien und Kriminalität der Vergangenheit. Doch das Bild in Japan selbst hat sich nicht großartig verändert. Nach Jahrzehnten des Terrors auf den Straßen blickt die Gesellschaft kritisch auf diese Oldtimer-Clubs: So sieht man beispielsweise auf Social-Media-Plattformen sehr negative Kommentare unter Videos von Treffen, Veranstaltungen und Ausfahrten dieser Clubs. Seit dem Zeitalter des Internets und
der sozialen Medien verbreiteten sich Informationen, Bilder und
Geschichten deutlich schneller als davor, so stieg auch in anderen Teilen der Welt die Faszination diesem Stil gegenüber. Nicht selten sieht man also auch in den USA, Europa oder asiatischen Nachbarländern Japans einen Anstieg an solchen Motorradaufbauten. Auch wir möchten unser Jaxson EX33II Pocketbike aus den 1980er Jahren zum Kaizosha umbauen. Den Prozess dazu dokumentieren wir für einen weiteren Artikel.
Zum Ende möchte ich noch einen Satz über Autos in Kombination mit dem Begriff “Bōsōzoku” verlieren. Während es Bōsōzoku Autos gab, ist das kein Begriff, den man noch für diese Art von Fahrzeuge benutzt. Durch die Spaltung der Interessen von Bōsōzoku Mitgliedern im Laufe der Zeit entstanden neue Begrifflichkeiten für Fahrzeuge der Art. Es ist also nicht komplett falsch, den Begriff in dem Kontext zu benutzen, aber auch nicht richtig.
QUELLENANGABE: https://www.anothermag.com/design-living/14448/b-s-zoku-the-rebellious-film-legacy-of-japan-s-unruly-biker-gangs
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https://thegentlemanracer.com/2013/04/the-bosozoku-cars-of-japan/








































