top of page

Wenn Stil sich kaum erklären lässt

Aktualisiert: vor 1 Tag

Es gibt einfach diese Menschen, die man zufällig ansieht und an denen der Blick sofort hängen bleibt.


Japanische Klassiker in Aktion: Ein Datsun 240Z in Orange mit Startnummern-Aufkleber auf einem Auto-Event.


Nicht, weil sie besonders laut sind oder sich selbst zu wichtig nehmen, sondern weil sie eine fast magnetische Ausstrahlung haben. Man spricht schnell davon, sie hätten Charisma oder gar Aura, doch so wirklich fangen diese Begriffe nicht ein, was sie im Raum hinterlassen. Es ist eine Präsenz, gepaart mit einer spürbaren Ehrlichkeit. Wovon ich dachte, es gäbe kein Wort dafür, stellte sich als Mabu (まぶ) heraus.


Eigentlich sollte es kaum verwundern, dass die japanische Kultur dafür ein so bezauberndes Wort gefunden hat, wenn man doch beachtet, dass selbst durch Baumkronen tanzende Sonnenstrahlen ein eigenständiges Wort tragen - Komorebi.


Collage japanischer Magazinseiten mit Fokus auf Automobil-Design-Geschichte.

Hin und wieder begegne ich solchen Menschen. Besonders an unserem Messestand oder beim Kaffeetrinken auf dem Espresso GT in Berlin trifft man ganz eigene, faszinierende Charaktere. Und mit ihnen Autos, die eben diese Präsenz ausstrahlen. Doch wie entsteht Mabu (まぶ), lässt es sich in Worte fassen und was genau macht es aus?


Beim Durchstöbern unseres Archivs an Holiday Auto Magazinen, beantwortete ein Artikel von 1986 all diese Fragen. So begann ich gespannt mit der Übersetzung und dem Schreiben dieses Artikels, der hoffentlich eine möglichst verständliche Erklärung eines so tiefgreifenden Begriffes schafft und erklärt, weshalb sich Mabu (まぶ) auch in die Autokultur übertragen lässt.



Warum Worte ihre Bedeutung verlieren


In unserer westlichen Kultur kommt das Wort „authentisch“ dem oben genannten Mabu (まぶ) wohl am nächsten, wobei es von der eigentlichen Bedeutung immer noch meilenweit entfernt ist. Authentizität ist leider ein so permanent übernutztes Wort, dass es unauthentischer kaum sein könnte.


Doch der Blickwinkel des japanischen Artikel bringt mehr Klarheit. Er beschreibt, dass der Lebensstil etwas sich stetig Wandelndes ist. Es ist nichts, was auf ein Mal entsteht, und planen kann man es erst recht nicht. Stil entwickelt sich aus allem, was du im Alltag wählst, benutzt und lebst. Solche Entscheidungen können sein, weshalb du einen Mazda RX7 fährst, weshalb dein Schaltknauf aus Aluminium ist, oder wessen Merchandise du sammelst.


Du entscheidest oft aus dem Moment heraus für Dinge, ohne großen Plan. Erst im Rückblick wird deutlich, dass diese Entscheidungen ein Gesamtbild ergeben. Der Artikel betont dabei besonders den Kauf von Markenprodukten. Marken wählt man selten, um sich zu präsentieren, sondern weil sie zum eigenen Stil passen. Schließlich verkaufen Marken immer auch ein Gefühl - daher ist dieses Verhalten vollkommen nachvollziehbar.



So habe ich mich unterbewusst in Honda, Suzuki und Porsche verliebt. Warum das so ist, kann ich bis heute nicht so recht erklären. Und doch halte ich sehr stetig daran fest: Ich fahre meinen Del Sol und meinen Swift, plane den Kauf eines Suzuki X90 und träume intensiv von meinem Porsche G-Modell, sodass ich längst den passenden Schlüsselanhänger und anderes Merchandise besitze.

Mabu (まぶ) ist also kein Stil, den man lernen kann. Umso schwieriger wird es, wenn man versucht, dieses Gefühl logisch zu erklären oder gar anderen zu beschreiben. Denn so verliert es genau das, was es ausmacht.



Chic Mahagoni Targa


Schwarz-weiße Comic-Illustration eines kleinen, erschöpften Autos mit schläfrigen Augen, das sich eine Hand (Reifen) an die Stirn hält, während Dampfwolken aus dem Auspuff aufsteigen.

Als ich vor fünf Jahren erzählte, wie ich mir mein erstes Auto vorstellte, ein Honda Del Sol von 1994 in Granada Black Pearl, erntete ich vor allem Gegenwind. Meine Inspirationen aus der Welt der 911er, Mahagoni-Details und klassischer Einflüsse stießen auf wenig Verständnis. Im Nachhinein wundert es mich kaum, denn dieses ulkige Auto bringt man nun wirklich nicht mit dieser Designidee in Verbindung.


Doch mit den Jahren kamen alle Elemente zusammen und man sah plötzlich, welche Vision ich die ganze Zeit verfolgte. Noch bin ich lange nicht am Ende. Aber wie eine Wohnung oder eine Garderobe sich entwickelt, so entwickelt sich auch ein Auto. Da wir alle keine Milliardäre sind, sind die meisten Umbauten auch eine Frage der Zeit und Raritäten für das Auto zu ergattern, braucht Zeit und Connections. Bereits jetzt sitze ich aber voller Begeisterung in meiner Soleil, während sie sich anfühlt wie die Erweiterung meiner Selbst. So naturell zu mir passend wie das Outfit, die Wohnung, der Lebensstil.




Löst es Freude aus?


Marie Kondō, eventuell für manche ein Begriff, ist eine Ordnungscoachin aus Japan. Ihr berühmter Satz „Does it spark joy?“ bezieht sich darauf, dass wir uns in unserem Leben nur mit Dingen umgeben sollten, die pure, ehrliche Freude auslösen. Ob wir diese nur ansehen oder verwenden spielt dabei keine Rolle, solange es uns tagtäglich erfreut.


Der Artikel von 1986 beschreibt hierbei sehr genau, dass dein Stil sich ergibt, wenn du dich mit Dingen umgibst, die sich für dich richtig anfühlen. Das ist der Kern des Mabu (まぶ). In dem Moment, in dem du versuchst, deinen Stil zu kontrollieren, hört er jedoch auf lebendig zu sein.

Wer nur „coole“ Felgen fährt, weil sie überall Anerkennung bekommen, wird irgendwann spüren, dass sich etwas nicht richtig anfühlt. Folgst du jedoch deinem eigenen Stilgefühl, wirst du dich täglich daran erfreuen. Auch wenn es auf Tuningtreffen womöglich keinen Applaus von allen dafür gibt.


Doch dann gibt es die Menschen, die dir sagen: „Ich hätte es nie so gemacht - aber ist wirklich wunderschön.“ Und das ist für mich das schönste, wenn auch ungewöhnlichste Kompliment.



Wenn Menschen und Dinge andocken


Schwarz-weiße Illustration eines lächelnden Bärenkopfes im Retro-Stil mit einer markanten Tolle als Frisur auf hellem Hintergrund.

Mabu (まぶ), so erklärt der Artikel, kann sich über das Leben jedoch auch verändern. So wie sich Menschen wandeln, sich unser Denken entwickelt und Erfahrungen uns formen, wandelt sich auch unser Stil.

Doch wenn Menschen und Dinge gut zueinander passen, docken sie förmlich aneinander an.

Das ist eine Form von Mabu (まぶ). Der Mann mit japanischem Pompadour, der im Stau neben dir steht und in seinem Cabriolet laut City-Pop-Songs genießt, ist ein Mabu-Typ! Ob etwas im Trend ist, ist egal. Entscheidend ist nur, ob es zur Person passt und wie diese Person es lebt. Doch was macht nun ein Auto zu etwas, das sich nach Mabu (まぶ) anfühlt?



Wann ist ein Auto Mabu (まぶ)?


Der Artikel des Holiday Auto Magazine beginnt damit, dass ein Auto nicht automatisch besser ist, nur weil es technisch weiterentwickelt ist. Wenn Dinge zu perfekt, zu glatt und zu durchoptimiert werden, verlieren sie Wärme und Persönlichkeit. Der Charme verschwindet gewissermaßen. Natürlich waren Autos früher vielleicht unpraktischer, jedoch hat man sie stärker gespürt.


Scan einer Doppelseite aus einem japanischen Automagazin der 80er/90er Jahre; zu sehen sind Textspalten, Fotos von Designern, technische Illustrationen von Schreibgeräten der Marken Bosch und Mercedes-Benz sowie ein Foto des Nissan 7th Skyline Konzepts.

Und wieder andere Autos fühlen sich einfach so an, als wären sie mit echter Aufmerksamkeit zum Menschen geschaffen worden. Dabei betont der Verfasser, dass es nicht darum geht, Technik abzulehnen oder alte Zeiten zu kopieren. Jedoch betont er die „Seele“ alter Technik, die noch voll und ganz für den Menschen entwickelt wurde.

Irgendwie ironisch, dass ich genau 40 Jahre später auf diesen Artikel stoße. Denn was 1986 kritisiert wurde, lässt sich kaum besser auf das Jahr 2026 übertragen. Ein Jahr, in dem sich die Gesellschaft so nach der Einfachheit der Vergangenheit sehnt, dass wir mit alten Kameras und Klapphandys unterwegs sind und unsere Lieblingsserien auf einem Röhrenfernseher schauen.



Nach der rasanten technologischen Entwicklung der letzten Jahre besinnen sich Menschen auf Dinge zurück, die sich anfühlen, als hätten sie eine Seele. Womöglich ist es auch das, was uns als Community so sehr an den 80ern und 90ern festhalten lässt. Die Vision einer etwas einfacheren Zeit, die durch weniger Möglichkeiten im Unterhaltungsangebot dazu führt, dass die spürbare, alltägliche Überforderung weniger wird. Ob das nun bedeutet, dass wir in unserem Oldtimer noch manuell das Handschuhfach öffnen dürfen oder wir in der Lage sind Dinge selbst zu reparieren.


So kann man festhalten, dass Mabu (まぶ) bei Autos dort entsteht, wo Technik und Gefühl zusammenkommen. Ein Mabu-Auto ist kein Fahrzeug mit den besten Specs, sondern eines, bei dem man spürt, dass es für Menschen gemacht wurde. Und das gilt ebenso für Tuning. Denn nur weil die theoretischen Werte eines Autos überzeugen, es dank Fahrwerk besonders gut am Asphalt klebt, heißt das noch lange nicht, dass man es auch täglich gerne fährt.


Willst du dein Auto täglich bewegen, es im Sonnenuntergang über holprige Landstraßen fahren und jede Sekunde auskosten - dann lass dich nicht von drastischen, unfahrbaren Umbauten überreden. Und wenn du in einem unbeliebten Auto ein Potenzial erkennst, es von Herzen umbauen und fahren möchtest, dann lass dich nicht davon abhalten. Denn aus innerer, unbeeinflusster Passion entsteht Mabu (まぶ).



Schlussgedanke


Das Sprichwort „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ hat durch den Artikel aus der Holiday Auto für mich eine ganz neue Bedeutung bekommen. Mir ist klar geworden, warum ich etwas über alles lieben kann, während es andere kalt lässt - oder weshalb meine Entscheidungen auf Außenstehende irrational wirken mögen, ich selbst sie jedoch keine Sekunde hinterfragen würde.



Wir strahlen als Menschen am stärksten, wenn wir unserem Mabu (まぶ) folgen. Ganz gleich, ob es bestimmt, wie wir wohnen, wie wir uns kleiden, wie wir mit anderen Menschen umgehen oder welches Auto wir fahren. Wer nach dem lebt, was er wirklich liebt, spürt eine tiefe Zufriedenheit und eine innere Ruhe, die kaum erklärbar ist.

Aus genau dieser Haltung entsteht auch beim eigenen Auto Mabu (まぶ). Nicht als Stil, nicht als Statement, sondern als ehrliche Verbindung. Diese Überzeugung gibt uns den Mut, ungewöhnlichen Wegen zu folgen, uns mit Nischenthemen auseinanderzusetzen und Stil-Entscheidungen zu treffen, die sich richtig anfühlen. Auch wenn sie nicht jedem gefallen.


Gerade in Zeiten von Social Media, in denen viele glauben, ihre Lebensrealität sei universell gültig, ist Mabu (まぶ) eine wichtige Lektion. Denn unsere Unterschiede sind der Grund, warum einige Menschen von innen heraus strahlen.




BILDQUELLEN:

bottom of page